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Über das Weingut
Château Gazin – klassischer Pomerol vom Hochplateau
Château Gazin besitzt mit 26 Hektar einen der größten zusammenhängenden Weinberge auf dem Hochplateau von Pomerol. Seine unmittelbare Nachbarschaft liest sich eindrucksvoll: Pétrus liegt direkt daneben, ebenso befinden sich L’Évangile und La Conseillante in nächster Nähe. Doch Gazin besitzt eine ganz eigene Handschrift. Merlot dominiert, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc spielen jedoch eine wichtige Rolle für Struktur und Frische. So entstehen Weine aus Bordeaux, die traditionell etwas straffer und langlebiger ausfallen als viele andere Pomerols. Die Familie de Bailliencourt dit Courcol prägt das Château seit mehr als einem Jahrhundert; seit 2023 führt mit Élise und Édouard bereits die fünfte Generation den Besitz.
Vom Pilgerhospiz zum Weingut
Die Geschichte des Ortes reicht weit hinter die heutige Nutzung als Weingut zurück. Der Weinbau von Pomerol entwickelte sich seit dem 12. Jahrhundert unter dem Einfluss des Johanniterordens. Château Gazin befindet sich wahrscheinlich dort, wo die Ritter einst das "Hospital de Pomeyrols" betrieben, das Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela aufnahm. An diese Geschichte erinnert bis heute der Name des Zweitweins "L’Hospitalet de Gazin".
Im 18. Jahrhundert bildete Gazin einen kleinen Weiler. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb Louis Soualle, Urgroßvater der heutigen Eigentümer, das Château. Seitdem befindet es sich im Besitz derselben Familie. Die de Bailliencourt dit Courcol gehören zu einem alten Adelsgeschlecht aus dem Artois. Der ungewöhnliche Namenszusatz „"Courcol" geht der Familienüberlieferung zufolge auf König Philippe-Auguste und die Schlacht von Bouvines im Jahr 1214 zurück.
Über Jahrzehnte waren vor allem Nicolas und Christophe de Bailliencourt mit Château Gazin verbunden. 2023 übernahmen Élise und Édouard de Bailliencourt gemeinsam die Leitung und führen den Besitz nun in fünfter Generation fort.
26 Hektar in einem Stück
Die Größe und Geschlossenheit des Weinbergs sind in Pomerol außergewöhnlich. Die Appellation ist von vielen kleinen, häufig nur wenige Hektar umfassenden Gütern geprägt. Gazin verfügt dagegen über 26 Hektar in einem einzigen zusammenhängenden Block auf der Hochterrasse von Pomerol. Historisch war der Besitz sogar noch größer. 1969 verkaufte Gazin rund 4,5 Hektar an den direkten Nachbarn Pétrus. Die Qualität dieser Parzellen lässt erahnen, welches Potenzial das Terroir besitzt.
Der größte Teil des Weinbergs liegt auf dem Hochplateau. Einige tiefer gelegene Bereiche besitzen einen höheren Sandanteil und liefern traditionell einen größeren Anteil der Trauben für L’Hospitalet de Gazin.
Kies, blauer Ton und crasse de fer
Das Terroir verbindet oberflächlichen Günz-Kies mit blauem und grünem Ton im Untergrund. Darin finden sich Eisenoxide, die für die als crasse de fer bezeichneten eisenreichen Schichten Pomerols charakteristisch sind. Entscheidend ist vor allem der Ton. Die Smektite können Wasser aufnehmen und den Reben während trockener Perioden langsam zur Verfügung stellen. Gerade angesichts zunehmend heißer und trockener Sommer ist diese Fähigkeit ein erheblicher Vorteil.
Gleichzeitig sorgt der Kies für gute Drainage und erwärmt sich schnell. Die Verbindung aus Kies und Ton ermöglicht damit reife Merlot-Frucht, ohne dass die Reben in heißen Jahren zu früh unter Trockenstress geraten. Eine detaillierte Untersuchung der Böden hat dazu beigetragen, die einzelnen Parzellen genauer zu verstehen und entsprechend differenziert zu bewirtschaften. Die Reben sind heute durchschnittlich rund 35 Jahre alt und stehen mit 5.500 bis 7.000 Stöcken pro Hektar.
Merlot – aber nicht ausschließlich
Merlot bestimmt den Charakter von Château Gazin. Daneben besitzt das Château Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc – eine Kombination, die innerhalb Pomerols durchaus bemerkenswert ist. Die beiden Cabernet-Sorten können dem Wein zusätzliche Struktur, Würze und Frische verleihen.
Wie wichtig sie für den Grand Vin sind, entscheidet sich jedes Jahr neu. In manchen Jahrgängen spielt Cabernet Sauvignon eine wichtige Rolle, in anderen kann Château Gazin praktisch vollständig aus Merlot bestehen. Der 2021er wurde beispielsweise reinsortig aus Merlot erzeugt, während der 2022er aus 94 % Merlot, 3 % Cabernet Sauvignon und 3 % Cabernet Franc besteht.
Gerade diese Flexibilität gehört zur Philosophie des Hauses. Nicht ein festgelegtes Rezept, sondern die Qualität und Reife der einzelnen Partien entscheidet über die Assemblage.
Parzellenweise Vinifikation
Die Trauben werden von Hand und Parzelle für Parzelle gelesen. Bereits im Weinberg erfolgt eine erste Selektion. Im Keller werden die Trauben nochmals vor und nach dem Entrappen sortiert. Die alkoholische Gärung findet in kleinen Betonbehältern statt, getrennt nach Rebsorten und Parzellen. Anschließend bleibt der Wein zwei bis drei Wochen auf den Schalen. Vorlauf und Presswein werden getrennt behandelt.
Auch beim biologischen Säureabbau entscheidet die Qualität der einzelnen Partien über die weitere Behandlung: Er kann im Tank oder bereits im Barrique erfolgen. Für den Grand Vin nennt das Château aktuell einen Ausbau über rund 18 Monate in Eichenfässern, davon etwa 50 % neu. Während dieser Zeit werden die einzelnen Partien schrittweise zur endgültigen Cuvée zusammengeführt. Die Kellerarbeit bleibt damit klassisch, ist heute jedoch stärker auf Präzision und eine feinere Tanninstruktur ausgerichtet.
Vom robusten zum feineren Gazin
Gazin galt lange als einer der strukturiertesten Pomerols. Wo andere Weine der Appellation schon früh ihre samtige Merlot-Frucht zeigen, benötigte Château Gazin häufig deutlich mehr Zeit. Dieser Charakter ist nicht verschwunden. Gazin bleibt ein Wein, der von Flaschenreife profitiert. Das Château selbst spricht bei guten Jahrgängen von 15 bis 20 Jahren und mehr. Mit zunehmender Reife entwickeln sich aus der dunklen Kirsch- und Pflaumenfrucht Noten von Schokolade, Kaffee, Lakritz, Tabak und schließlich Trüffel und Unterholz.
Gleichzeitig ist die Textur feiner geworden. Die Tannine wirken heute geschliffener, ohne dass der Wein seine klassische Struktur verliert. Gerade darin liegt der Reiz von Gazin: Es ist kein Pomerol, der ausschließlich auf Opulenz und unmittelbaren Charme setzt. Die Bezeichnung als eine Art "linkes Ufer von Pomerol" trifft deshalb einen Teil seines Charakters durchaus gut. Cabernet spielt zwar mengenmäßig eine Nebenrolle, doch Struktur, Frische und die Fähigkeit zu langer Reife erinnern stärker an klassische Weine des Médoc als bei manchem weicheren Pomerol.
L’Hospitalet de Gazin
Seit 1986 erzeugt das Château mit "L’Hospitalet de Gazin" einen Zweitwein. Sein Name erinnert an das mittelalterliche Hospiz, das sich vermutlich auf dem Gelände des heutigen Château befand. Für L’Hospitalet werden unter anderem Trauben jüngerer Reben und Partien aus den tiefer gelegenen, sandigeren Bereichen verwendet. Auch Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc können hier einen höheren Anteil ausmachen, wenn sie für den Grand Vin nicht die gewünschte Reife oder Struktur besitzen.
Der Ausbau erfolgt zurückhaltender und zielt auf frühere Trinkreife. "L’Hospitalet" bietet damit einen zugänglicheren Ausdruck des Terroirs, während für "Château Gazin" selbst die strukturiertesten und langlebigsten Partien ausgewählt werden.
Umweltbewusster Weinbau auf dem Plateau
Im Weinberg arbeitet Gazin zunehmend mit biologischen und Biocontrol-Präparaten. Organische Düngung, Pflügen der Böden und die sogenannte sexuelle Verwirrmethode zur Schädlingskontrolle gehören ebenfalls zur Bewirtschaftung. Das Château ist als Haute Valeur Environnementale Stufe 3 zertifiziert. Damit geht das Weingut heute deutlich weiter als die früher übliche konventionelle Bewirtschaftung.
Ein eigenständiger Klassiker aus Pomerol
Château Gazin verfügt über einige der besten Voraussetzungen Pomerols: einen außergewöhnlich großen, zusammenhängenden Weinberg auf dem Hochplateau, mächtige Tonböden mit crasse de fer und Pétrus als unmittelbaren Nachbarn.
Trotzdem hat Gazin nie versucht, stilistisch Pétrus oder andere berühmte Nachbarn nachzuahmen. Die Weine besitzen eine eigene, traditionell eher strukturierte Handschrift. Merlot sorgt für Fülle und dunkle Frucht, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc können Rückgrat und Frische ergänzen.
Unter den Weinen aus Bordeaux steht Château Gazin für eine klassische Interpretation von Pomerol: weniger auf unmittelbare Opulenz ausgerichtet, dafür strukturiert, komplex und langlebig. Mit dem Generationswechsel zu Élise und Édouard de Bailliencourt hat 2023 ein neues Kapitel begonnen – auf einem Terroir, dessen Geschichte weit über den Weinbau hinausreicht.
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