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Über das Weingut
Château Cantemerle
Château Cantemerle liegt ganz im Süden des Haut-Médoc, unmittelbar an der Grenze zur Appellation Margaux. Seit 1855 als Cinquième Grand Cru Classé eingestuft, steht das Weingut für einen eher eleganten Ausdruck des Médoc: duftige Cassisfrucht, feine Kräuterwürze, seidige Tannine und eine angenehme Frische.
Cabernet Sauvignon bildet heute deutlich das Rückgrat der Cuvée, ergänzt von Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot. In Verbindung mit den feinen Kiesböden entstehen Weine aus Bordeaux, die weniger über Wucht als über Balance und Trinkfluss überzeugen und mit der Flaschenreife zusätzliche Tiefe entwickeln.
Ein Nachtrag zur Klassifikation von 1855
Die Geschichte von Château Cantemerle besitzt eine bemerkenswerte Besonderheit. Als 1855 die berühmte Klassifikation des Médoc erstellt wurde, fehlte das Château zunächst auf der Liste. Verantwortlich dafür war vermutlich eine ungewöhnliche Vertriebsgeschichte. Die damalige Besitzerin Caroline de Villeneuve hatte ihren Wein rund 40 Jahre lang direkt verkauft und sich insbesondere in den Niederlanden einen eigenen Kundenkreis aufgebaut. Erst 1854 übergab sie den Vertrieb an die Händler und Makler der Place de Bordeaux.
Als Cantemerle ein Jahr später bei der Klassifikation übergangen wurde, protestierte sie bei der Handelskammer und legte Verkaufsbelege vor, die Preise und Marktstellung des Weins dokumentierten. Mit Erfolg: Cantemerle wurde nachträglich als Cinquième Grand Cru Classé aufgenommen. Auf der historischen Liste ist der später ergänzte Name sogar in einer anderen Schrift zu erkennen.
Vom geschrumpften Gut zurück zu alter Größe
Seit 1980 gehört Château Cantemerle der französischen Versicherungsgesellschaft SMABTP. Zu diesem Zeitpunkt war vom historischen Weinbergsbesitz nicht mehr viel übrig: 1981 standen nur noch etwa 20 Hektar unter Reben.
Es folgte ein langfristiges Wiederaufbauprogramm. Die Rebfläche wuchs auf rund 93 Hektar, von denen 2019 etwa 90 Hektar in Produktion standen. Damit erreichte Cantemerle ungefähr wieder jene Dimension, die das Château bereits zur Zeit der Klassifikation von 1855 besessen hatte.
Die Weinberge verteilen sich auf Macau (Gironde) und Ludon-Médoc. Rund 60 Hektar liegen in Macau, weitere 33 Hektar in Ludon. Einen wichtigen Schritt bildete 1999 der Erwerb der 20 Hektar großen Domaine Lemoyne Nexon auf einem hochwertigen Kiesrücken zwischen Cantemerle und Château La Lagune.
Kies, Sand und natürliche Drainage
Die Weinberge von Château Cantemerle sind großenteils von feinen Kiesböden geprägt, die stellenweise stärker mit Sand durchsetzt sind. Die ausgezeichnete natürliche Drainage ist eine wesentliche Voraussetzung für den hohen Cabernet-Sauvignon-Anteil.
Bei der Neuanlage der Ende der 1990er-Jahre erworbenen Flächen wurden umfangreiche Bodenuntersuchungen vorgenommen und zusätzliche Entwässerungsgräben angelegt. Die Pflanzdichte beträgt dort rund 8.400 Rebstöcke pro Hektar, in anderen Parzellen bis zu 10.000.
Diese dichte Pflanzung und die nährstoffarmen Kiesböden fördern eine intensive Konkurrenz zwischen den Reben und eine tiefe Durchwurzelung. Das Resultat ist jene Kombination aus Cassisfrucht, Struktur und Frische, die den Stil von Cantemerle bestimmt.
Cabernet Sauvignon rückt ins Zentrum
Der Weinberg ist nach den vorliegenden Angaben mit rund 67 % Cabernet Sauvignon, 23 % Merlot, jeweils 5 % Cabernet Franc und Petit Verdot bepflanzt. Damit hat sich die Rebsortenstruktur über die Jahrzehnte erheblich verändert.
Besonders Cabernet Sauvignon wurde im Zuge eines langfristigen Wiederbepflanzungsprogramms gefördert. Noch 2009 lag sein Anteil bei lediglich 59 %. Cabernet Franc spielte historisch dagegen eine wesentlich größere Rolle und machte zeitweise rund 24 % des Weinbergs aus.
Der Stil von Château Cantemerle
Cantemerle gehört traditionell zu den feineren, geschmeidigeren Vertretern des Haut-Médoc. Schwarze Johannisbeere und dunkle Kirsche treffen auf Veilchen, Kräuter, Zedernholz und Grafit. Mit zunehmender Reife können Noten von Tabak, Mokka und Schokolade hinzukommen.
Am Gaumen steht weniger massive Konzentration als Harmonie im Vordergrund. Die Tannine wirken fein und seidig, die Frucht bleibt frisch und klar konturiert. Die zunehmende Dominanz des Cabernet Sauvignon hat in den vergangenen Jahren zusätzlich für Struktur und Präzision gesorgt.
Gute Jahrgänge besitzen ein überzeugendes Reifepotenzial und werden regelmäßig von internationalen Kritikern bewertet, darunter auch im Umfeld der bekannten Parker Weine.
Präzise Lese und schonende Vinifikation
Eine Besonderheit der Weinbergsarbeit ist die differenzierte Lese. Trauben von mehr als 35 Jahre alten Reben werden getrennt von den jüngeren Rebstöcken geerntet – selbst dann, wenn beide innerhalb derselben Parzelle stehen. Die Lese erfolgt dabei in zwei Durchgängen.
Auch die Assemblage wird in mehreren Schritten vorgenommen. Eine erste Cuvée aus unterschiedlichen Rebsorten und Parzellen entsteht bereits im Februar nach der Ernte. Eine zweite Assemblage folgt gegen Ende des Ausbaus. Dadurch lässt sich auch der Einfluss der verschiedenen Fässer genauer ausbalancieren.
Im Keller wird möglichst schonend gearbeitet. Auf intensives Umpumpen wird verzichtet, die Temperaturen bleiben vergleichsweise niedrig. Der Ausbau erfolgt klassisch in französischen Barriques. Ziel ist nicht maximale Extraktion, sondern jene seidige Textur und aromatische Klarheit, die den Hausstil auszeichnen.
Château Cantemerle und Les Allées de Cantemerle
Etwa 70 % der Produktion können nach den vorliegenden Angaben in den Grand Vin "Château Cantemerle" einfließen. Die endgültige Menge hängt jedoch von Qualität und Jahrgang ab.
Der Zweitwein "Les Allées de Cantemerle" macht ungefähr 30 % der Produktion aus. Er stammt zu einem großen Teil von jüngeren Reben und ausgewählten Parzellen und ist früher zugänglich als der Grand Vin, ohne die stilistische Verbindung zum Château zu verlieren. Die striktere Selektion erlaubt es zugleich, die Qualität des Grand Vin weiter zu erhöhen.
Nachhaltigkeit als langfristiges Projekt
Auch bei der Bewirtschaftung hat sich Cantemerle deutlich verändert. Seit 2010 wird nach den vorliegenden Angaben auf Pestizide verzichtet, seit 2013 auf Herbizide und seit 2018 auf spezielle Behandlungen gegen Fäulnis.
Seit 2018 ist das Château HVE-3-zertifiziert. Rund 30 Hektar werden zudem biologisch bewirtschaftet. Bodenpflege, Biodiversität und eine möglichst gezielte Behandlung einzelner Parzellen stehen im Mittelpunkt der Entwicklung.
Ein klassischer Haut-Médoc mit eigener Geschichte
Château Cantemerle besitzt innerhalb der klassifizierten Weine aus Bordeaux eine besondere Stellung. Schon die nachträgliche Aufnahme in die Klassifikation von 1855 erzählt von einem Gut, dessen Marktwert zunächst unterschätzt wurde.Heute verbindet das Château seine historischen Kieslagen mit einer zunehmend Cabernet-geprägten Rebsortenstruktur und einer präzisen, zurückhaltenden Vinifikation. Das Ergebnis ist ein klassischer Haut-Médoc, der nicht auf monumentale Kraft zielt, sondern auf Cassisfrucht, Finesse, seidiges Tannin und Balance.
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